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Alt 30.08.2007, 04:21   #1 (Permalink)
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Standard Die verlorenen Seelenkinder

Die verlorenen Seelenkinder
44 Kilo zerbrechlicher Lifestyle: Der Tod und die Mädchen, die mit ihm tanzen/Jede Fünfte stirbt an Anorexie

Sie wollen leicht wie eine Feder sein, so dünn, dass sie für die Welt unsichtbar werden: Pro Anas - junge Mädchen, die ihre Magersucht zum Lebensstil erklären. Jule hat sich mehrere Monate lang in ein Pro-Ana-Forum eingeklinkt und mit einem Mitglied der Bewegung gesprochen.


Von

Alexandra Maus

Es muss eine schöne Welt sein, wenn dort kleine Feen leben und bunte Schmetterlinge flattern. Auch Elfenkind ist in dieser Welt zu Hause. Dorthin geht sie, wenn die andere, reale Welt ihr zu anstrengend wird. Sie sich vor sich selbst ekelt. Wenn sie schwach wird, zu viel isst, danach aber alles wieder erbricht. Dann geht sie in diese Welt, in der das Leben schön und federleicht ist - und in der sie nicht allein ist, weil viele Mädchen in ihrem Alter dort leben, die so denken und fühlen wie sie und "Schwestern" für sie sind. Mehr als einhundert Schwestern hat Elfenkind in dieser schönen Welt - mehrere Millionen in der realen, in der hässlichen Welt. Und es werden täglich mehr.

Sie nennen sich "Spiegelkinder", "Perfect Angels" oder auch "Sturmwaisen". Im Internet treffen sie sich auf gleichnamigen Web-Seiten - weil ihnen allen eines gemein ist: Sie sind "pro-ana". "Ana" steht kurz für "Anorexia Nervosa", den medizinischen Fachbegriff für Magersucht. In Deutschland leiden nach Informationen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 700 000 Menschen an Anorexie und Bulimie. Die Dunkelziffer liegt allerdings weit höher.

Hungern bis es schmerzt

Elfenkind, die außerhalb des Cyberspace Marie heißt, mehr gibt sie von ihrer wahren Identität nicht preis, gehört zu den "Seekis", wie sie sie liebevoll nennt, den "Seelenkindern". Die rund 168 Mitglieder der Gruppe, die es seit etwa zwei Jahren im Netz gibt, sind alle weiblich und größtenteils zwischen 17 und 30 Jahre alt. "Pro-ana" zu sein bedeutet für sie mehr als nur Fasten, es ist eine Art "Lifestyle", ein aktives Bekenntnis zur eigenen Krankheit: "Hunger schmerzt, aber Hunger hilft - Ana macht uns schön!" So steht es in den "Thinlines", den Gesetzen der Pro-Anas. Als "schön" gilt ein Body Mass Index (BMI) unter 16. Untergewicht beginnt bei einem BMI von 18. Um dieses Ziel zu erreichen, stellen die Mädchen in den Pro-Ana-Foren Regeln für die Nahrungsaufnahme auf, geben Hilfestellungen zum Kotzen nach einem "FA", einem Fressanfall, ordern übers Internet verbotene Medikamente aus dem Ausland - und spornen sich gegenseitig an, immerzu nach Perfektion zu streben. Um jeden Preis.

"Miss Magersucht" gewählt

Marie ist 17 Jahre alt. Sie ist dem großen Ziel schon sehr nah. Vor einigen Monaten ist sie zur "Miss Ana" gekürt worden. Den Wettbewerb führen die Seelenkinder regelmäßig durch, mit festen Spielregeln: Alle Teilnehmerinnen müssen sich täglich wiegen, dürfen nicht mehr als 700 Kalorien am Tag verzehren und für Sport gibt es Extra-Punkte - Siegerin ist, wer am meisten Gewicht verloren hat. Es gibt keine Krone, aber der Applaus ist der neuen "Miss" sicher: Marie hat "Idealmaße", wiegt bei einer Größe von 1,72 Metern nur noch 44 Kilogramm. Ein BMI von 14,87. Für die Mädchen ist sie ein Vorbild. Die Bewunderung tut gut, sie wärmt, wo sonst nur Kälte und Knochen das Bild vom eigenen Körper bestimmen: "Die meisten hier hassen sich und ihre Schwäche", schreibt Marie im Chat, "aber dünn sein ist für uns ein Zeichen von Stärke."

Obwohl sie körperlich schwächer werden. "Magersüchtigen fehlt jeder Zugang zu ihrem Körper", erklärt die Psychologin Doris Weipert vom "Forum für Ess-Störungen" in Wiesbaden. Die Internet-Foren seien deswegen besonders gefährlich: "Im Netz sind diese Mädchen nicht mit ihrem Körper konfrontiert, sie lösen sich vielmehr sukzessive davon." Die Folgen sind mitunter fatal: "Sie projizieren ihre Person auf Zahlen und Maße, auf eine künstliche Internet-Identität - während sie sich in der realen Welt gezielt selbst zerstören."

Künstliche Internet-Identität

Von der Außenwelt kapseln sie sich immer mehr ab: Jeder Themenbereich auf der Seite der Seelenkinder ist durch einen Code geschützt. "Außenstehende verstehen nicht, warum wir das machen", schreibt Marie, "und Gaffer oder Besserwisser wollen wir hier nicht." Was im Forum geschieht, muss geheim bleiben - "Seekis" verraten sich nicht gegenseitig.

"Das ist wie eine Pseudo-Clique oder Sekte", meint Weipert. "Magersüchtige sind in der Gesellschaft oft isoliert, weil ihre Zerbrechlichkeit den gesunden Menschen um sie herum Angst macht." In den Foren fänden sie dagegen Anschluss, Leidensgenossinnen und das Gefühl, nicht "gestört" zu sein, sondern normal und akzeptiert. Auf eine trotzige Weise überlegen, weil sie den Hunger besiegt haben. "Die soziale Komponente ist zum einen positiv, zum anderen aber sehr gefährlich", so Weipert.

Schöne falsche Welt

Die Mädchen verlieren sich in ihrer selbst geschaffenen, bunten und auf perfide Weise Trost versprechenden Kunstwelt - die keine Heilung bringt, sondern den Krankheitsverlauf meist noch forciert.

Doch der Gedanke an den Tod kann die Pro-Ana-Anhängerinnen nicht schrecken. Sie nehmen ihn bewusst in Kauf: "Ana ist eine klare Absage ans Leben", gesteht "Trauertränchen 87" in ihrem Online-Tagebuch offen ein. Der Tod ist für die Pro-Anas wie ein ständiger Begleiter, einer mit dem sie tanzen: "Wir wissen, dass wir über dem Abgrund des Todes tanzen und jederzeit abstürzen können", schreibt ein Mädchen, "aber wir wissen auch, wie atemberaubend schön unser Tanz aussieht und wir spüren das Gefühl der Leichtigkeit, mit dem er uns erfüllt." Ein Tanz, der viele Mädchen nicht mehr loslässt.

"Ana" treu bis zum Ende

Die letzten Schritte in diesem Reigen führen unter Bilder von düsteren Gewitterwolken: "Ana till the End" heißt das Forum, das auf Pro-Ana-Foren oft ganz unten steht - unter den Fressattacken, den Bulimie-Foren und den Pillen-Tipps.

"Einige Mädchen haben sich damit abgefunden, an Ana sterben zu können", schreibt Marie. Bei den Seelenkindern gebe es diesen Bereich nicht, und sie selbst suche nicht danach. Umbringen wolle sie sich ja nicht und vielleicht werde sie das Forum auch verlassen. Erst müsse sie aber noch ein paar Kilos verlieren. Und die Wahl zur "Miss Ana" wieder gewinnen. Solange will sie noch bleiben, in der Welt der Seelenkinder, in der bunte Schmetterlinge flattern, zarte Feen auf Bildern zu sehen sind und Elfenkinder wie sie das Tanzen lernen. Solange will sie noch in dieser "schönen" Welt bleiben.

Quelle: www.wiesbadener-kurier.de
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